1. FC Nürnberg
Annäherung an die Aura einer Legende
2. Mai 2025
Club-Ikone Javier Pinola, derzeit Co-Trainer unter Miroslav Klose, erzählt, wie es ihn getroffen hat, dass man ihm 2015 nicht mal persönlich mitteilen wollte, dass seine Zeit als Spieler nach zehn Jahren enden würde.
Mehr als ein Fußballverein:
Der 1. FC Nürnberg bringt zu seinem 125-jährigen Bestehen einen Film heraus, der seine Geschichte mit Zeitzeugen, Szenen und sogar Liedern sehenswert erzählt - und auch negative Episoden nicht
ausspart.
Von Christoph Ruf
Am Sonntag vor 125 Jahren wurde der 1. FC Nürnberg gegründet, tags darauf hat ein Film Premiere, der eine „Annäherung an die Aura des Club" sein will, aber „keine Chronik mit Anspruch auf
Vollständigkeit". Ein solches Vorhaben wäre wohl auch deutlich langweiliger ausgefallen als die 127 Minuten, die dankenswerterweise mit dem aus ähnlichen Formaten gewohnten
Interview-Schnittbild-Spielszene-Rhythmus brechen.
Stattdessen werden Teile der Vereinshistorie in Liedern oder szenischen Lesungen dargeboten.
Das sind ideale Spielwiesen für kluge Geister aus der Stadtgesellschaft wie den ehemaligen Oberbürgermeister Ulrich Maly, den Journalisten Hans Böller oder den ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden
Thomas Grethlein, der sich seine Liebe zum Club auch durch die Begleitumstände seiner Abwahl im November 2023 nicht hat verleiden lassen. Erfreulich auch, dass negative Episoden der Club-Geschichte
nicht im verschämten Schnelldurchlauf abgehandelt werden. Angefangen vom NS-Hetzer Julius Streicher, der den erfolgreichen Trainer Jenö Konrad ins Exil trieb, bis zum Umgang mit verdienten Spielern,
der auch beim Club nicht immer zum Anspruch passte, ein familiärer Traditionsverein zu sein.
So berichtet Vereinsikone Javier Pinola, derzeit Co-Trainer unter Miroslav Klose, wie es ihn getroffen habe, dass man ihm 2015 nicht mal persönlich mitteilen wollte, dass seine Zeit als Spieler nach
zehn Jahren enden würde. Auch Ex-Stürmer Dieter Eckstein wurde 1993 ohne sein Wissen nach Schalke verkauft.
Wie sehr ihn das berührt hat, merkt man dem 60-Jährigen noch heute an.
Wie der Film überhaupt immer wieder ins Gedächtnis ruft, dass Fußballfans ein besonderes Zeitempfinden haben. Denn natürlich ist es objektiv gesehen einigermaßen erstaunlich, dass der
Club-Historiker Bernd Siegler vollkommen anstrengungslos die Torfolge bei hohen Club-Siegen aus den 30-er-Jahren referieren kann - inklusive Passfolgen und vergebenen Torchancen, versteht sich. Und
natürlich dürfte es einige Beobachter erstaunen, dass es Menschen aus der Fanszene gibt, die anstatt zu studieren, durch den Hinterausgang der Uni entwischen („hoffentlich sehen meine Eltern das
jetzt nicht"), um Choreografien zu malen.
Eine Armada an Ex-Spielern von Tasso Wild über Horst Leupold bis Marek Mintal erklärt, was es ihnen bedeutet hat, das Club-Trikot zu tragen Und so zeigt der Film mit jeder Sequenz deutlicher, was
überdauert hat, seit am 4. Mai 1900 ein paar Studenten den 1. FCN in der Wirtschaft „Burenhütte" gründeten. Es erschließt sich, wenn die Armada von Ex-Spielern von Tasso Wild über Horst Leupold bis
Marek Mintal darlegt, was es ihnen bedeutet hat, das Club-Trikot zu tragen. Und wenn Katharina Büttner von „Ultras Nürnberg" ihren Verein mit einem „alten tattrigen Onkel" vergleicht, „der sein Herz
auf der Zunge trägt, aber manchmal auch ein bisschen unangenehm" sein könne, passt das fast schon zur von Frank Goosen formulierten Liebeserklärung an den Ruhrpott und den VfL Bochum: „Woanders is
auch scheiße."
Was dem Film dann auch bestens gelingt, ist, ohne das Pathos, an dem man beim Filmtitel „Aura einer Legende" nicht gespart hat, den Begriff „Tradition" mit Inhalt zu füllen. Rührend, wie Club-Fan
Helmut Götz dafür sorgte, dass vor dem Stadion eine Max-Morlock-Statue installiert wird. Und wie er sich, ein grundbescheidener, sympathischer Mann wie sein Vorbild, bei „Ultras Nürnberg" dafür
bedankt, dass sie ihn dabei unterstützt haben.
Wenn also junge Ultras, die noch nicht geboren waren, als Morlock 1994 starb, dafür sorgen, dass ihr Stadion nach dem Volkshelden aus dem Stadtteil Zerzabelshof („Zabo") und nicht nach einem
beliebigen Sponsor benannt wird, dann hat man es wohl mit einem Phänomen zu tun, das Anhänger von RB Leipzig weder verstehen noch vermissen werden. Und auch als Fan eines anderen Vereins kann man nur
sehr heftig nicken, wenn der ehemalige Fanbeauftragte Jürgen „Beppo" Bergmann laut darüber nachdenkt, warum man nur so rettungslos irrational sein kann, wie man es als Fan des 1. FC Nürnberg nun
einmal ist: „Da fahren 2000 Leute 600 Kilometer in ein Stadion, und die wissen, dass der Club da verliert. Und dann fährst du die 600 Kilometer wieder zurück. Das deiner Oma zu erklären, ist schon
eine Aufgabe"
Aura einer Legende, 125 Jahre Erster Fußball-Club Nürnberg - der Film zum Jubiläum, 127 Minuten, Kinostart: 5. Mai, 19.15 Uhr, Cinecitta